Delhi

Ein Reisebericht von Mark Bauch. Mehr von ihm und über sein Buch "13 Reise-Fragmente" unter www.global-writing.de.

Delhi Airport.
Es war stickig, stinkig, grau.
Der Bodenbelag des Empfangsgebäudes war uneben und zerklüftet. Von den Decken hingen einfache, geradezu hässliche Lampen. Etwas bunter wurde es in der Haupthalle, wo sich auch das Gepäckförderband befand. Leute tummelten sich und schoben sich durch das Gedränge. Nachdem wir unsere Rucksäcke hatten, hieß es, den Weg ins Zentrum von Delhi ausfindig zu machen. Da es bereits mitten in der Nacht gegen null Uhr war, mußten wir den Weg mit einem Taxi zurücklegen.
Doch bevor wir einsteigen konnten, hieß es: Preis verhandeln und das billigste Taxi ausfindig machen. Wir ließen uns ins Zentrum fahren und in der Mc Genlyodd Street vom Taxifahrer rauslassen.

Nun folgte die Suche nach einem Hotel.
 »Sorry, no free rooms. Not till tomorrow. Come back tomorrow morning«, lautete die mehrfache Antwort der netten, indischen Hotelangestellten.
Zu dem Problem der Pensionssuche kam nun ein Toilettenproblem dazu. Kopfschmerzen und Übelkeit waren noch immer gegenwärtig, und jetzt noch eine volle Blase...
Nirgends war ein öffentliches WC ausfindigzumachen. Wir fragten uns von Hotel zu Hotel nach einem Zimmer durch, bis wir am Ende der Straße angelangt waren.
 »Hello, we´re looking for a room for tonight«, fragte Benuli zum wiederholten Mal.
 »Wait. Some people checking out.«
 »When?«
 »One hour, or two«, lautete die knappe Antwort.
Also warteten wir. Das Toilettenproblem blieb.
 »Excause me, do you have a toilett?« fragte ich im besten Schulenglisch.
 »Upstairs, on the first floor«
Erleichtert stürzte ich die Treppe hinauf. Als ich die sogenannte Toilette fand, hatte sich schlagartig mein kleines Problem erledigt. Die Toilette war ein dunkles Loch im Fußboden, das jämmerlich zum Himmel stank. Ich beschloss, mein Geschäft zu vertagen, bis wir auf unserem Zimmer sein würden. Die Zeit schien nicht vergehen zu wollen. Nach einer mir schier endlos vorkommenden Zeit konnten wir unser Zimmer beziehen.
Kurz gesagt, es war quadratisch, praktisch, gut. Das Bad verfügte über ein Waschbecken, eine Dusche, und, es war kaum zu glauben, über eine richtige Kloschüssel!
Nach einigen Brechkrämpfen ging es mir dann auch wieder etwas besser, und wir konnten uns bettfertig machen. Ohrenstöpsel, Schlafbrille, Schlafsack, alles notwendige war dabei.
Wir waren noch nicht ganz in den Betten verschwunden, ging das Licht aus. Das ist in Indien durchaus üblich. Kein Mensch kann genau sagen, wie lange es abends Elektrizität gibt. Man sollte also stets eine Taschenlampe oder eine Kerze dabei haben.
Gegen Mittag des folgenden Tages wachte ich auf. Von der Straße her hörte man Hupen, Motorengeknatter und Stimmengewirr. Nachdem ich mir den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, suchte ich mir den Weg ins Freie. Er führte mich auf die Dachterrasse des Hotels.
Dort war es mir möglich, das erste Mal einen Blick auf die Stadt zu werfen. Das erste Mal Indien bei Tageslicht: Delhi erstreckte sich in einem grauen, verrauchten Häusermeer bis zum Horizont. Und es war laut, sehr laut.
Auf der Straße befand sich ein bunter, lebendiger Markt. Farbenfrohes Getümmel waberte in den Straßen und Gassen. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Planeten.
Ich war also in Indien.
Für mich war alles unreal, fern aller Wirklichkeit. Es ging mittlerweile auf Mittag zu, und mein Magen fing an sich zu melden.
Ben ließ sich viel Zeit und Ruhe bei seinen morgendlichen Verrichtungen. Während ich wartete, pendelte ich zwischen dem Zimmer und der Terrasse hin und her. Mein Blick war gefesselt, und so stand ich die ganze Zeit auf dem Dach des Hauses und wartete auf Ben. Irgendwann war Ben endlich soweit. Ich packte meinen Rucksack und los gings.
Die Straße pulsierte voll Leben. Für mich war es, als würde ich in einem Meer von Menschen und Geräuschen schwimmen. Am Wegesrand gab es unzählige Geschäfte und kleine Läden. Hin und Wieder sah man umherstreunende Hunde oder gemächlich trottende »heilige« Kühe.
Die Augen ertranken förmlich in Farben von rot, braun, curry und safran. Alle Sinne wurden bis an die Grenze ausgereizt.
Was die Kühe angeht, so gehen die Inder mittlerweile gar nicht mehr so heilig mit den Tieren um. Wenn diese auf  Imbiß-oder Gemüsestände zutrotten, um sich gütlich zu tun, bekommen sie schon mal einen unsanften Tritt. Die vermeintliche Heiligkeit in Indien hat gelitten. Allzuoft bleibt einfach eine Kuh stehen und der gesamte Verkehr kommt zum erliegen, und es wird ein wüstes Hupkonzert angestimmt, um das Tier wieder in Bewegung zu bringen - mal mehr oder weniger erfolgreich.
Es kommt auch vor, dass Kühe tot oder angefahren werden, was einem Sakrileg gleichkommt, und dann werden die Tiere in den nächsten heiligen Fluss geworfen, um die »gepeinigte Seele zu erlösen«.
Das Straßenleben in Indien ist völlig anders als in Europa oder Amerika. Die Straßen sind vollgestopft mit Menschen und Tieren. Alles bewegt sich stetig. Zudem kommt hinzu, dass Europäer oft bewundert und interessiert angeschaut werden. Nicht selten kommt es vor, dass Einheimische Fremde bei sich zu Hause einladen, weil dies für sie eine hohe Auszeichnung ist.
Kaum hatten wir das Hotel verlassen, waren wir von einer Schar lärmender und bettelnder Kinder umringt. Nach einer Weile waren sie genauso schnell und mysteriös verschwunden, wie sie gekommen waren. Glück für uns. Wenige hundert Meter vom Hotel fanden wir einen original indischen Imbiss, der aber auch »continental breakfast and food« anbot. Sowohl Ben, als auch ich waren uns einig, dass wir natürlich original indisch essen würden. In Indien kennt man kein Frühstück, so wie wir es gewohnt sind. Es wird bereits morgens warm und vor allen Dingen scharf gegessen, mit regionalen Unterschieden.
Ich bestellte mir frittierte Zwiebelringe und einen Chai, den bekannten indischen Gewürztee mit Milch und Honig.
Die Stadt ist laut und dreckig. So ist es nicht ungewöhnlich, dass man viele Inder mit Taschentüchern vor Mund und Nase sieht. Das bunte Treiben Delhis folgte uns und war der rote Faden unserer Tage in dieser Stadt. So besuchten wir unter anderem Mahatma Gandhis Gedenkstätte im Rajghat. Das Monument war ein quadratisch schwarzer schlichter Marmorstein, auf dem indische Blumengirlanden und Blütenblätter lagen. Zu beiden Seiten der Stätte standen indische Soldaten. Für mich war dieser Besuch sehr eindrucksvoll, da ich mich Gandhis  Friedens- und Religionsphilosphie sehr verbunden fühle. Ich spürte förmlich die Aura dieser Stätte.
Delhi ist sehr groß, und deshalb muss man meist den Bus nehmen, um größere Strecken zu bewältigen. Eine weitere Sehenswürdigkeit auf unserer Liste war das bekannte Sternenobservatorium im Herzen der Stadt. Ich war heilfroh, als wir vor dem Gebäude standen, denn die Fahrt dorthin war recht abenteuerlich. Man wusste nie genau, ob man einen Bus lebend wieder verlassen würde. Die Fahrer haben einen teuflischen Fahrstil an sich, der selbst den der Italiener und Franzosen in den Schatten stellt. Abgesehen davon sind die Busse veraltet, und viele Reifen haben kein Profil mehr.
Auf mich hatte das Observatorium keinen großen Eindruck hinterlassen. Langsam mussten wir auch an die Rückkehr denken, da es mittlerweile dämmrig wurde, und sich auch nach aller Aktivität unser Magen wieder meldete. All die vielen Eindrücke und das Klima erschöpften uns. Im Hotelzimmer musste ich feststellen, dass mein Buddhabeutel fehlte. Viel war nicht drin gewesen, ein paar Rupiescheine und mein Adressenverzeichnis, ärgerlich war es trotzdem. Es half alles nichts, die Adressen waren weg.
Ben und ich waren uns einig, dass wir nicht länger als einen weiteren Tag in Delhi bleiben wollten. Der Jetlag und die Klimatisierung waren einigermaßen gut erfolgt, und so konnte es weitergehen.
Am nächsten Tag sollte es zum Bahai Tempel und zur berühmten Eisensäule von Qutab Minar gehen. Letztere erlangte Berühmtheit, da sie nicht rostet und sämtliche Wissenschaftler deshalb vor ein Rätsel stellt. Die Eisensäule steht auf dem Gelände einer alten Moschee.
Die Säule war schlicht. Für mich gab es keine wilden Erklärungen, weshalb sie nicht rostete. Ben machte wie üblich seine Fotos und ergoss sich in irgendwelchen Theorien, was darin gipfelte, dass er der festen Überzeugung war, die Außerirdischen seien hier mit am Werk gewesen...
Weiter ging es zum Tempel, der sehr schön gelegen war. Umgeben von blühendem Grün und Wasser. Die Form des Tempels war einer schwimmenden Lotusblume nachempfunden. Wollte man den Tempel betreten, so musste man sich seiner Schuhe entledigen und über einen der vier Stege gehen, um zum Tempel zu gelangen. Um dem Gebäude herum waren viele Menschen aller Nationen und Religionen zu sehen. Das Innere des Sakralraumens war schlicht und modern gehalten: Die üblichen Kirchenbänke und Mosaikfenster. Das Besondere war jedoch, daß alle großen spirituellen Richtungen vertreten waren. Neben dem Kreuz fanden sich der Sichelmond der Moslems, der Davidstern der Juden, das Om der Inder und das Rad der Buddhisten. Ich setzte mich ein paar Minuten, um zu meditieren und zur Ruhe zu kommen. Für einen kurzen Moment wurde es still um mich herum.
Da wir morgen die Stadt verlassen wollten, mussten wir uns noch die Tickets für die Bahn besorgen.
Ben und ich beschlossen, weiter in Richtung Norden zu fahren, um anschließend wieder in die südlichen Landesteile zu reisen. Von Delhi sollte es in die heilige Stadt Vrindavan gehen. Diese Stadt ist bei Hindu-Pilgerern äußerst beliebt. In Vrindavan sind Europäer geduldete Gäste.
Wenn man in Indien ein Zugticket erwerben möchte, kann schnell das Gefühl aufkommen, man spiele Lotto. Zuerst muss man als potentieller Fahrgast einen Zettel ausfüllen. Von wo man kommt, wohin man fahren möchte, und nicht zu vergessen die Zugnummer und die Uhrzeit.
Wer einmal in Indien Zug gefahren ist, der weiß, das dies nicht allzu einfach ist. Züge kommen in der Regel nie pünktlich. Es gibt keine Durchsagen und kaum Hinweisschilder.
Die Inder campieren regelrecht auf den Bahnsteigen und in der Wartehalle. Kommt der Zug heute nicht, kommt er morgen. Wen interessiert das so genau?
Irgendwann wird er schon kommen. Hier hat es niemand wirklich eilig. Europäer und Amerikaner werden beim Fahrkartenkauf gern ein wenig beschummelt, denn es gibt verschiedene Varianten  sein Ticket zu erwerben.
Zum ersten durch einen Zwischenhändler, der natürlich bezahlt werden muss. Zum zweiten direkt am Schalter, wo ebenfalls ein wenig Geld fließen muss, damit auch alles läuft. In Indien gibt es dafür das Wort »Bakshish«, ähnlich dem ägyptischen Begriff für Trink- und Schmiergelder.
Die Inder sind keinesfalls aggressiv oder gewalttätig, jedoch kommen sie immer irgendwie an ihr Geld. Verständlich, leben doch Millionen Inder unterhalb der Armutsgrenze.
Nachdem wir unsere Tickets hatten, stellten wir fest,  dass wir zu viel Geld bezahlt hatten. Ben fand das gar nicht lustig und beschwerte sich, erfolglos. Gekauft ist gekauft.

 

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