Ganga, Göttin des heiligen Flusses       

Laut der hinduistischen Mythologie meditierte der halbgöttliche Weise Bhagiratha zu einer Zeit, als die Erde trocken und unbewohnbar war, rund tausend Jahre lang. Der asketische Gott Shiva sah dies und gewährte dem Weisen einen Wunsch. Der erbat sich die Niederkunft des himmlischen Flusses Ganga, damit die Erde fruchtbar und ertragreich werde. 

Die gewaltigen Wassermassen der Ganga drohten aber, die Erde in ihren Grundfesten zu erschüttern und alles Leben auf der Erde hinwegzuspülen. Also bändigte Shiva die Macht, indem er die herabstürzende Wassermassen mit seinem Kopf auffing und die Kraft des Wassers durch sein aufgetürmtes Haar dämpfte. An Gewalt verloren, strömte der Ganges sanft vom Himalaya in die indische Ebene herab und schenkte Menschen, Tieren und Pflanzen das lebensbringende Nass.

Seitdem steht die Flussgöttin Ganga, die auch als Mutter Ganga verehrt wird, für Wohlstand, Erlösung, Gesundheit und Überfluss. Sie gilt als Urbild aller Flüsse Indiens, da laut der Mythologie alle anderen Flüsse von der Ganga abstammen, so beispielsweise auch der heilige Fluss Yamuna, ein Nebenfluss des Ganges. Außerdem verheißt Ganga Hoffnung auf das nächste Leben und eine Reinkarnation in Nähe der Götter. Aus diesem Grund gibt es entlang des Ganges einige wichtige Pilgerorte:

Gangotri, auf ca. 3100 m, sollte von jedem Hindu-Pilger einmal im Leben besucht worden sein. Von dort erreicht man nach einem 14 km-Marsch die eigentliche Gangesquelle Gaumukh ("Kuhmund") auf ca. 4100m, wo der Fluss aus einem Gletscher herausfließt. In der nahen Umgebung leben asketische Sadhus, die meditieren und täglich ein Bad in den eiskalten Wassern zur Reinwaschung von Sünden nehmen. Hier heißt der Fluss noch Bhagirathi, als Gedenken an den zu Shiva betenden Weisen. Erst in Gangotri wird der Bhagirathi zum Ganges, nachdem er einen der Göttin Ganga geweihten Tempel passiert. (Siehe auch Reisebericht "Trekk zur Gangesquelle")

Ein weiterer wichtiger Pilgerort ist Haridwar, wo der Ganges vom Himalaya in die Ebene übergeht. Hier findet alle 12 Jahre die berühmte Kumbh Mela ("Wasserfest") statt, deren genauer Termin von Astrologen bestimmt wird und Millionen von Pilgern und Sadhus zu einem Bad im Ganges heranzieht.

Auch im östlicher gelegenen Allahabad findet alle 12 Jahre die Kumbh Mela statt, das letzte mal 2001, wo rund 16 Millionen Pilger und Sadhus zugegen waren. Allahabad ist heilig, da dort die heiligen Flüsse Ganges und Yamuna aufeinandertreffen und Weltenerschaffer Brahma ein Opfer abhielt.

Die heiligste aller Hindu-Städte ist aber Varanasi, früher Kashi ("Stadt des Lichts"), Stätte des Lebens und des Sterbens und einer der Wohnorte des Gottes Shiva. Viele alte und kranke Menschen kommen dorthin, um zu sterben und an den Ufern des Ganges verbrannt zu werden. Die Verbrennung-Ghats (Ghat = Stufen zum Ganges) sind 24 Stunden am Tag in Betrieb und es werden rund 50 Leichen täglich eingeäschert. Gerade durch eine Verbrennung in der "ewigen Stadt" Varanasi sind die Chancen auf eine Erlösung vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburt bei vorherigem frommen Leben sehr hoch.

 Täglich nehmen tausende Pilger ein Bad, um sich von den Sünden "in Gedanken, Worten und Werken" reinzuwaschen. Sie stehen, meist abends und morgens wie in den Vedas vorgeschrieben, an den kilometerlangen Bade-Ghats, beten mit vor der Brust oder dem Gesicht aufeinanderliegenden Handflächen, trinken das Wasser wegen seiner angeblich heilenden Wirkung, opfern Blumengirlanden und setzen kleine Bötchen aus getrockneten Bananenblättern mit Räucherwerk auf dem Ganges aus. Die Asche der Verstorbenen wird in den Ganges gestreut, oder, wer es sich leisten kann, bringt sie nach der Verbrennung in Varanasi zur Gangesquelle in Gangotri und übergibt sie dort den Wassern des Ganges.

Allerdings gibt es auch eine Kehrseite, und die ist gewaltig: So heilig der Ganges für die Inder auch ist, genauso verschmutzt ist er. Ungeklärt werden Abwässer aus Städten, Fabriken und Gerbereien in den Fluss geleitet, Müll wird hineingekippt und Leichen, bei denen sich die Angehörigen die hohen Kosten für das Verbrennungskosten nur teilweise oder gar nicht bezahlen konnten, treiben in dem heiligen Nass. Flussdelphine und Krähen kümmern sich um den hohen "Fleischanteil" im Wasser und 1998 wurden auf Befehl der indischen Regierung fleischfressende Fluss-Schildkröten ausgesetzt. 

Bleibt also zu hoffen, dass die Inder diese Umweltprobleme (und die eng damit verwachsenen sozialen Probleme) in den Griff bekommen und somit die Heiligkeit des Flusses und deren Göttin gerecht werden.

Bilder von der Gangesquelle, Rishikesh und Varanasi gibt es in der Bildergalerie 1 und Bildergalerie 2.

 

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