Pushkar in Rajasthan
07.11.2000
Nun ist es also soweit: Wir sind in Pushkar, dem Wallfahrtsort der Hindus,
malerisch an einem See gelegen, umgeben von kahlen Bergen und Wüste.
Brahma, der höchste aller hinduistischen Götter, soll einst das Blatt
einer Lotusblüte

an
der Stelle fallengelassen haben, wo plötzlich der See entstand. Die Hindus
baden in diesem heiligen Gewässer, um so all ihre Sünden loszuwerden. Wenn
das doch bloß immer so einfach wäre.... Im heiligen Pushkar sind Fleisch,
Eier, Alkohol und Drogen tabu. Mit letzterem wird hier jedoch besonders gern
gehandelt.
Wir hatten unsere Reiseroute so gelegt, um in der Zeit vom 7.-12. November
in Pushkar zu sein, da hier in dieser Woche der größte Kamelmarkt der Welt
stattfindet. Irgendwie waren wir etwas aufgeregt, als sich der Bus langsam
die steil windende Strasse von Ajmer hinaufschleppte. Hoffentlich werden wir
nicht enttäuscht. Immerhin hatten wir schon so viel von diesem
einzigartigen Fest gehört, gelesen und auf Bildern gesehen. In Pushkar
angekommen, dröhnen Lautsprecherstimmen, Musik, Straßenlärm - also
Stimmung ist schon mal. Wir sind auch gleich mitten im Getümmel. Am
Stadtrand sind kilometerlange Straßenstände mit Speisen, Getränken,
Kamel- und Pferdezubehör, Obst, Gemüse und Trödel aller Art aufgebaut.
Von allen Seiten versucht man, uns zum Kauf zu beschwatzen. Wir nähern uns
dem Zentrum des Städtchens mitgezogen vom Strudel der farbenprächtig
gekleideten Inder. Ganze Großfamilien sind angereist, um das Fest zu
erleben.
Für viele Einheimische sind die Kamele nebensächlich. Sie sind hier, um im
heiligen See zu baden, was in der Woche vor Vollmond im November (also dann,
wenn die Mela stattfindet) ganz besonders wirksam sein soll. Also ist
heiliges Wasser manchmal heiliger als sonst? Egal, das verstehen wir eben
nicht. Wir stehen vorm Brahma Tempel, übrigens dem einzigen auf indischem
Boden. Hier herrscht reger Andrang. Eine bunte Menschenkette schiebt sich
barfüßig die Stufen zum Tempelinneren empor. In entgegengesetzter Richtung
erscheint die gleiche Farbenpracht. Gegenüber sitzen Sadhus und nehmen
Opfergaben von Betenden entgegen. Wohin soll man bloß zuerst blicken? Und
da, ein Sadhu, zurechtgemacht wie der Affengott Hanuman! Wir sind
begeistert. Das gibt ein Fest für die teuer ausgelöste Kameraausrüstung,
und natürlich für den Fotografen!
Ines und Steffen fühlen sich mal nicht wie E.T.
An den Ghats (Zugänge zum See) beobachten wir, wie Inder im See baden und
Blüten als Opfergaben schwimmen lassen. Fotografieren ist hier strengstens
untersagt, was von zahlreich vertretenen Polizisten auch durchgesetzt wird.
Wir marschieren um den See, bleiben immer oberhalb der 15 Stufen zum Wasser,
um die Schuhe anlassen zu können. Von hier haben wir einen wunderbaren
Blick auf das nicht endende Treiben. Wir erinnern uns an viele

Plätze,
die wir von unserem Besuch vor drei Jahren wiedererkennen. Trotzdem
erscheint uns alles viel lebendiger, pulsierender und stimmungsvoller. Als
wir weiter durch die engen Strassen schlendern, wird uns zunehmend bewusst,
dass man uns ziemlich in Ruhe lässt. Klar, Ladenbesitzer lassen keinen
Touri ohne einen Satz an ihn zu richten, ziehen. Nein, das Schöne ist, dass
man mal nicht begafft wird wie ein Außerirdischer - da die Inder selbst
Mittelpunkt des Geschehens sind, befasst mit sich und ihren
Ritualen.
Wir verlassen den Ort und erreichen die Sanddünen. Lautes Rufen,
Pferdegetrappel, das Knarren von Ochsenkarren, das Brüllen von Kamelen
dringen uns ans Ohr. Hier sind wir mitten auf dem Viehmarkt. Das Bild ist
geprägt durch tausende von Kamelen. Manche hocken faul im Sand, andere
fressen, einige stehen oder sind umringt von eifrig diskutierenden
Kamelbesitzern. Man sieht Geldbündel von einer Hand in die andere
gleiten. Ein durchschnittliches Kamel kostet zwischen 2000 und 3000 DM. Ein weißes
Höckertier ist auch im Angebot, das ist teuer. Wir sehen kleine, große,
alte, junge, braune, schwarze Tiere, mit und ohne bunten Schmuck, die Köpfe
übereinandergeschichtet, der Größe nach gruppiert, die Zähne
fletschend... Es gibt Fotomotive ohne Ende.
Nicht weit von hier erhebt sich ein Zeltdorf aus dem Sand - das Tourist
Village, das an den ersten Tagen noch recht verlassen wirkt, ab dem 9.
November jedoch mit Gästen aus aller Welt bevölkert ist. Viele
Reisegruppen steigen auf dem Nobelcampingplatz ab, auf dem es an nichts
fehlt. Uns kommt es so vor, je mehr Touristen anreisen, umso mehr
Kamelbesitzer nebst Kamelen reisen ab. Lustig ist auch eine Szene in
den Sanddünen zum Sonnenuntergang. Scharen von super ausgerüsteten Hobby -
und Profifotografen drängen sich um drei verlassen dastehende Kamele,

als Vordergrund für den verschwindenden roten Sonnenball. Mir kommt es
sogar so vor, als seien ganze Fotoklubs angereist, so wie manche
ausgestattet sind. Der pfiffige Inder hat natürlich die touristische
Invasion vorausgesehen und sich darauf eingestellt. Immer mehr
Schlangenbeschwörer, unechte Sadhus, als Götter zurechtgemachte
Rupiensammler, Musikanten, etc. schwirren umher und wollen sich für Geld
ablichten lassen. Ein bunter bärtiger Typ kommt mit einer Kuh daher, aus
deren Rücken ein fünftes verkümmertes Bein gewachsen ist. Na, ist das
etwa nichts? Er ist sich der Besonderheit seiner armen Kreatur sehr bewusst
und hält uns prompt einen Zettel hin auf dem steht: 150 Rupees pro Foto.
Wir schütteln nur verständnislos den Kopf und stecken die fünf Rupees,
die wir ihm geben wollten, wieder ein.
Am letzten Tag des Pushkar-Festes ändert sich das Bild nochmals. Bereits in
Ajmer ahnen wir, dass heute viele Inder zum heiligen See reisen, da die
Busse übervoll sind. Eigentlich ist das recht logisch, denn heute ist
Vollmond, und da wollen die meisten Hindus ein befreiendes Bad im See
nehmen. Die Bushaltestelle in Pushkar wird aus dem Ort verbannt, so dass wir
gut zwei Kilometer vom Menschenstrom in Richtung Ort gezogen werden. Es ist
einfach Wahnsinn, was hier los ist! Zigtausende von Menschen streben dem
kleinen Ort entgegen. Wir passen auf, dass wir uns nicht verlieren. Im
Stadion, wo heute die abschließende Pferde- und Kamelwettbewerbe
stattfinden, das gleiche

Bild:
Massen von Menschen. Uns kommt es so vor, als wären wir die einzigen
Touristen, da es um uns herum laut auf Hindu schwadroniert und Saris in
allen Farben leuchten. Als wir uns den schmalen Straßen des Ortes nähern,
wächst die Menschenfülle und bei uns die Angst, eingequetscht und
vielleicht zertrampelt zu werden. Nichts wie weg! Wir flüchten uns auf ein
Dachrestaurant und beginnen wieder ruhig zu atmen.
Die Ruhe nach dem Sturm
Von hier haben wir einen guten Beobachtungsposten. Schmunzeln müssen wir, als
sich ein mit Asche eingeriebener Sadhu im nagelneuen Pkw seinen Weg laut
hupend bahnt. Und da dachten wir immer die Sadhus würden allen materiellen
Dingen abschwören..... Obwohl man in Pushkar auf Fleisch auf dem Teller
verzichten muss, lässt es sich, so ganz vegetarisch, gut leben. Beliebt sind
stets die Buffets, wo man für 40 Rupees (zwei Mark) so viel essen kann, wie
man will: Reis, viele verschiedene Gemüsesorten (Kartoffeln, Bohnen, Kürbis,
Paprika, Tomate,...), Chapati, kuchenähnlicher Nachtisch. An einem Tag landen
wir in einer Art "Volksküche", wo es das Essen umsonst gibt. Zunächst
komme ich mir etwas blöd vor, in Indien zum Nulltarif zu essen, aber wir
merken auch, dass die Leute stolz sind, uns einzuladen und sich freuen, dass
wir kommen.
Letzterer scheint eine recht gute Geldquelle zu sein, da ein Teil des Palastes
als Luxushotel (Luxussuite 930 Dollar pro Nacht) genutzt wird. In einem andere
Teil befinden sich die Privatgemächer des Maharadschas.
Den Vollmondabend beschließen wir am See, wo eine Reihe von Indern Öllampen
ins Wasser setzen - ein beschauliches Bild. Kein Geschubse mehr, alles wirkt
jetzt wieder ruhig und friedlich - bis zum 22. November 2001, denn dann
beginnt die nächste Pushkar Mela.
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